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17.06.2022

Wolfgang Trepper / 07.05.2022

Osterholzer Kreisblatt vom 09.05.2022

Boshafte Nostalgie im Polterton

Kabarettist Wolfgang Trepper zeigte sich in der Stadthalle wortgewaltig wie eh und je

Wolfgang Trepper polterte sich bei seinem Auftritt in der Stadthalle Osterholz-Scharmbeck durch vergangene Zeiten.

Osterholz-Scharmbeck. Wenn Wolfgang Trepper in die Stadt kommt, ist die Halle voll – das gilt auch für den Auftritt Treppers am Sonnabend in der Stadthalle Osterholz-Scharmbeck. Der stets zwischen cholerischen Tiraden und verbalisierter Herzenswärme wechselnde Duisburger benötigt hierfür nicht mehr als eine funktional beleuchtete Bühne mit einem mittig platzierten Tisch, an dem er hin und wieder Platz nimmt, um seine Zuhörer über mehrere Stunden bestens zu unterhalten. Überwiegend tigerte er jedoch unruhig und energetisch von einem Bühnenrand zum anderen, stets den direkten Kontakt zu seinen Zuhörern suchend.

Dabei kokettierte Trepper mit sichtlichem Vergnügen mit der Attitüde des heutzutage viel gescholtenen „alten, weißen Mannes“, dessen Ansichten aus progressiver Sicht bisweilen recht konservativ erscheinen mögen – und erntete dafür ein ums andere Mal die Zustimmung seines Publikums. So begründete er eingangs seinen bewussten Verzicht auf Gendersprache: „Würden diejenigen, die gerade unsere Sprache verhunzen, sich mit demselben Feuereifer dafür einsetzen, dass Frauen und Männer hierzulande endlich die gleiche Bezahlung für die gleiche Arbeit erhielten, wäre ich hingegen sofort dabei.“

Auch in Osterholz-Scharmbeck beobachtete er ein Phänomen, das ihn schon länger beschäftigt: „Ich sehe in letzter Zeit immer häufiger jüngere Menschen unter 45 bei meinen Auftritten und frage mich, was die eigentlich hier wollen: Die wissen doch eh nicht, wovon ich eigentlich rede.“ Denn bei allem Gepolter, mit dem Trepper in gewohnter Manier seine Sicht auf die Dinge zu Gehör bringt, hat doch auch die Nostalgie einen festen Platz in seinen Programmen.

Lieblingsthema Hitparade

So spricht er auch in Osterholz-Scharmbeck einmal mehr über eines seiner ewigen Lieblingsthemen, die ZDF-Hitparade und deren Protagonisten – sowie die damit verbundenen Rituale im Familienkreis, angefangen beim vorhergehenden Vollbad: „Immer nach meinem älteren Bruder. Bis heute hasse ich lauwarmes Wasser“, erinnert sich der Kabarettist.

Und wie man es von dem bärbeißig drauflos polternden Trepper erwarten durfte, gab es neben ebenso pointierter wie wortgewaltiger Verbalwatschen für Schlagersternchen wie Chris Roberts, Bernd Clüver, Christian Anders und Co auch einen rhetorischen Rundumschlag durch die aktuellen Regierungsreihen, deren Wahl im vergangenen September für Trepper einer Art Schrottwichteln glich: Angefangen bei Olaf Scholz, „der selbst keine Ahnung hat, wieso er überhaupt Kanzler werden konnte“, über den „in Umfragen unglaublich beliebten Robert Habeck, bei dem es nur schade ist, dass er sich leider überhaupt nicht für Politik interessiert“ bis zu Sahra Wagenknecht, die „schon bei der Wahl ihres Ehemannes in die Scheiße gegriffen“ hätte.

Die laut dem Verein „Lobbycontrol“ mit zahlreichen Waffenlobbyverbänden verbandelte FDP-Politikerin Marie Agnes Strack-Zimmermann bezeichnete Trepper hingegen als „die derzeit einzige Deutsche Politikerin mit Eiern“, während er die Repräsentanten der AfD ganz bewusst ausklammert: „Für diese Figuren ist mir mein Programm einfach zu schade.“

Sonderlich analytisch, investigativ oder innovativ ging Trepper auch nach zweijähriger Zwangsbühnenpause nicht zu Werke, bemühte hier und da sogar etwas abgestandene Humorstandards. So sei seine langjährige Bühnenpartnerin Mary Roos, mit der er auch künftig wieder in einem Duoprogramm auf den Bühnen des Landes unterwegs sein wird, so alt, dass sie nicht nur die Rentenversicherungsnummer 1 habe; das tote Meer noch kannte, als es nur krank war.

An Kurzweil und Unterhaltungswert mangelte es Treppers wortgewaltigen Monologen indes zu keiner Sekunde und wenn er trotz aller spitzzüngigen Bosheiten die Ära der familiären Hitparaden-Fernsehabende herauf beschwor, fehlende Haltungen heutiger Künstler und Politiker kritisierte und sein Verständnis gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Werte artikulierte, entbehrte das nicht einer gewissen rührseligen Nostalgie an Zeiten, die trotz historischer Ereignisse wie dem NATO-Doppelbeschluss, kaltem Krieg, eisernem Vorhang und gelegentlicher Kraftwerkexplosionen dennoch sicherer und hoffnungsvoller schienen als die durch Pandemie und Krieg verunsicherte Gegenwart – auch wenn Trepper ausgerechnet im Bezug auf den aktuellen Ukrainekrieg nicht ganz in den medialen Tenor mit einstimmen möchte: „Es gibt einfach keinen gerechten Krieg, in dem Menschen geschont werden und es gibt derzeit weltweit 17 Kriege. Da hätten wir viel zu tun, wenn wir uns überall einmischen wollen.“ Dennoch sei er „sehr froh, in einem Land zu Leben, in dem ich all diese Dinge auf einer Bühne sagen darf, ohne gleich im Anschluss daran verhaftet zu werden.“